Fossiliensammeln und Fossliensammler – von Hans Hagdorn

Noch nie hat es so viele Fossiliensammler gegeben wie heute. Freizeit und Mobilität, aber auch die Breitenbildung haben es möglich gemacht. Gehörten die Sammler früherer Zeiten zur ländlichen Intelligenz der Pfarrer, Juristen, Lehrer, Ärzte und Apotheker, so hat das Hobby heute alle Schichten erreicht. Das Fossiliensammeln ist eng mit der Paläontologie verbunden. So waren viele Paläontologen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts selbst versierte Sammler, die privatisierten oder ganz andere Berufe ausübten. Georg Graf zu Münster, der die bedeutendste Sammlung seiner Zeit im deutschen Sprachraum aufbaute, arbeitete als Verwaltungsbeamter in der Regierung Oberfrankens in Bayreuth und der Wirbeltierpaläontologe und Begründer der „Paläontographica“, Hermann von Meyer, als Schatzmeister im ersten deutschen Bundestag in Frankfurt. Ein akademisches Fach Paläontologie wurde erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert.

Wie wird nun heute einer zum Fossiliensammler? Was treibt ihn an? Wieso investiert er Zeit und Geld für ein Hobby, das bei den meisten Zeitgenossen eher Kopfschütteln und Unverständnis hervorruft als Bewunderung und Anerkennung? In erster Linie ist es ganz sicher ein elementares Interesse an der Natur und ihren Dingen, an ihrer Schönheit und Vielfalt. Und dabei muss der Sammler keine Schmetterlinge oder Käfer töten. Hinzu kommen aber noch ganz andere Motive, nämlich

  • Die Freude am Finden und Entdecken, denn bis heute können Sammler selbst in bestens durchforschten Schichtenfolgen noch auf Neues stoßen. Und der Moment vom Entdecken zum Erkennen schafft ein absolutes Glücksgefühl.
  • Das Bewusstsein, dass eine Fossiliensammlung nie komplett sein wird wie etwa eine Briefmarken- oder Münzsammlung, zumal jedes Fundstück als solches einmalig ist.
  • Die ökonomische Komponente, denn eine bedeutende Fossiliensammlung lässt sich – anders als etwa eine Kunstsammlung – auch mit bescheidenen finanziellen Mitteln anlegen, nur mit Wissen, Können und nachhaltiger Geduld.
  • Die technisch-handwerkliche Herausforderung der oft schwierigen Präparation, die Geschick und Geduld erfordert.
  • Die Ästhetik der Sammlungs-Präsentation, sei es in der Wohnzimmervitrine, sei es als Wandschmuck oder in sorgfältig eingerichteten Schubladen in der Art wissenschaftlicher Magazine.
  • Der fachliche Kontakt mit Gleichgesinnten und Tauschpartnern, oft aus anderen Ländern, und oft auch der Kontakt mit Wissenschaftlern aus Museen und Instituten. Besonders stolz macht es einen Sammler, wenn er mit einem besonderen Fund ein kleines Mosaiksteinchen zum Erkenntnisgewinn beitragen kann.

Je nach Motiv und Begabung heben sich aus der großen Zahl der Sammler drei Gruppen ab, die es zu beachtlichen Leistungen bringen können. Dies sind zum einen die Präparierer, zum anderen die Spezialisten. Diese widmen sich ein Leben lang bestimmten Organismengruppen, bestimmten stratigraphischen Einheiten oder ihrem „Haussteinbruch“, den sie über Jahrzehnte hinweg in einer Intensität beackern, wie es keinem Berufspaläontologen möglich wäre. Und schließlich sind da noch die Tüchtigen, die aus ihrem Hobby eine Geschäftsidee ableiten und sich als Präparatoren oder Fossilienhändler selbständig machen. Von diesen soll aber nicht weiter die Rede sein, selbst wenn sie als Dienstleister in der Fossilienwelt eine beachtliche Rolle spielen – auch für die Wissenschaft und für Museen.

Manch ein Sammler hat sich zu Hause im Souterrain eine professionelle Präparationswerkstatt eingerichtet und es zur Meisterschaft im Umgang mit Pneumatikstichel und Feinstrahlgerät gebracht und steht dabei Berufspräparatoren in nichts nach. Mit Geduld und sicherer Hand befreien diese Feinmechaniker Trilobiten mit Stielaugen und abenteuerlichen Stacheln oder Fische mit zerbrechlichen Schmelzschuppen aus harten Konkretionen. Sammler haben die Transfertechnik entwickelt, mit der die Präparation, die nachhaltige Konservierung und museale Präsentation von Fossilien aus der Grube Messel erst möglich wurde. Andere haben sich der Fossilfotografie verschrieben und technische Pionierarbeit geleistet, so Dr. h.c. Helmut Tischlinger, der als Spezialist für die Sichtbarmachung fossiler Strukturen unter ultraviolettem Licht von Instituten und Museen eingeladen und um Rat gefragt wird.

Unter den Spezialisten gibt es manch einen, der sein Gebiet nicht weniger gut kennt als der Berufspaläontologe. Besonders wichtig werden solche Leute, wenn sie sich solchen organismischen Gruppen verschrieben haben, die wissenschaftlich verwaist sind. Allerdings locken die meisten Sammler immer wieder dieselben Lieblinge: Ammoniten, Trilobiten, Schnecken, Seeigel und Seelilien, die auch im Fokus der Paläontologie stehen. Wenn ein Sammler seine Erkenntnisse dann noch nach den Regeln der Wissenschaft veröffentlicht, kann er den Unterschied zum Berufspaläontologen verwischen. Allerdings laufen solche Spezialisten auch Gefahr, sich zu verrennen, sich mit ihren Ansichten zu isolieren und schließlich fast sektiererische Positionen einzunehmen. Einige wenige Autodidakten wie der Echinodermen-Spezialist Dr. Dr. h.c. Hans Hess aus Basel sind zu weltbekannten Autoritäten auf ihrem Gebiet geworden, was sich schon an ihren umfangreichen Publikationslisten zeigt.

Spannungen zwischen Sammlern und der wissenschaftlichen Paläontologie an Museen oder der staatlichen Bodendenkmalpflege, die sich in den 80er Jahren aus gesetzlichen Regelungen des Fossilschutzes in einzelnen Bundesländern ergaben, haben sich offenbar entschärft. Die meisten Sammler haben akzeptiert, dass ein Belegstück zu einer Publikation auch in einer öffentlichen Sammlung hinterlegt und für weitere Forschung verfügbar sein muss. Wer dem nicht zustimmt, bleibt mit seinem Fund in der verschlossenen Schublade anonym – doch das entspricht nicht der üblichen Sammlermentalität, denn die meisten wollen doch mit ihrem besonderen Fund ans Licht der Öffentlichkeit. Wenn ein besonderes Stück publiziert werden soll, muss sich der Sammler davon trennen. Als Kompensation gebührt ihm dann die Ehre, der Wissenschaft gedient zu haben. Falls sein Fund zum Typus einer neuen Art oder gar Gattung wird, kann der Autor diese nach dem Sammler benennen und ihn damit „verewigen“. Doch diese Art der Ehrerweisung mussten die Paläontologen erst einmal als selbstverständlich erkennen. Wo gegenseitiges Vertrauen herrscht, genügt die einfache Eigentumsübertragung, und der Sammler darf sein Schätzchen bei sich aufbewahren, solange es ihm gefällt.

Ähnliches gilt für den Verbleib ganzer Sammlungen. Offenbar hat sich bei den einstigen Kontrahenten gleichermaßen die Erkenntnis durchgesetzt, dass jede wichtige Privatsammlung früher oder später in einer öffentlichen Sammlung aufgeht. Den meisten Sammlern fehlt in der Familie ein Nachfolger, der in ihrem Sinn fortführt, was sie begonnen haben. So erkennt der verantwortungsvolle Sammler, dass auch sein letztes Hemd keine Taschen hat, und handelt so, dass die Sammlung, sein „Lebenswerk“, zusammen bleibt und nicht gefleddert wird oder gar verloren geht. Für den Museumspaläontologen lautet die Devise im Umgang mit Sammlern deshalb Offenheit und freundliche Kooperation – und Geduld zu haben, bis der Sammler reif genug geworden ist, den langfristigen Verbleib seiner Objekte zu regeln.

Diese Haltung wird seit Jahren von der Paläontologischen Gesellschaft vertreten und konsequent umgesetzt.

  • Die Paläontologische Gesellschaft ist für Sammler genauso offen wie für den Fachpaläontologen. So sind unter den derzeit über 1000 Mitgliedern auch zahlreiche Sammler und Privatpaläontologen.
  • Die Paläontologische Gesellschaft ist seit Jahren mit einem Infostand auf der „Petrefakta“ in Leinfelden vertreten.
  • Dem Informationsfluss zwischen Sammlern und Wissenschaftlern dient das zweimonatlich im Quelle & Meyer Verlag erscheinende Magazin „Fossilien. Zeitschrift für Hobbypaläontologen“, wo auf der Seite „Paläontologie aktuell“ aus erster Hand über wissenschaftliche Projekte von Mitgliedern der Paläontologischen Gesellschaft berichtet wird. Sowohl Sammler als auch Paläontologen sind seit Jahren sowohl Autoren als auch Leser dieser Zeitschrift.
  • Schon im Jahr 1984 hat die Paläontologische Gesellschaft auf Betreiben ihres Mitglieds Dr. h.c. Rudolf Mundlos, der selbst Journalist und Marketingmanager war, die Zittel-Medaille gestiftet, die sie für herausragende Leistungen an Privatpaläontologen verleiht.
  • Die Alberti-Stiftung der Hohenloher Muschelkalkwerke ehrt seit 1998 mit dem mit 10.000,-- € dotierten Alberti-Preis im Turnus gleichrangig Berufspaläontologen und Privatpaläontologen für außerordentliche Leistungen. Diese Wertschätzung hat dazu geführt, dass sich schon viele Sammler dazu entschlossen haben, ihre Objekte der Alberti-Stiftung zu überlassen und sie damit ins Muschelkalkmuseum Ingelfingen einzubringen, das unter Spezialisierung auf Triasfossilien mit jeder weiteren Schenkung immer deutlicher zu einem „Museum der Sammler für Sammler“ wird. So hat 2011 Werner Kugler aus Crailsheim seine äußerst wertvolle Sammlung von Wirbeltieren des württembergischen Lettenkeupers der Alberti-Stiftung vermacht. Voller Stolz kann er den Besuchern des Muschelkalkmuseums seine Funde nun in musealer Präsentation zeigen, denn sie bleiben „seine“ Funde, auch wenn er das Eigentum daran in öffentliche Hände gelegt hat.

Mit diesen Entwicklungen ist das Ansehen der Fossiliensammler unter den Wissenschaftlern in den vergangenen Jahren ständig gewachsen und es ist zum selbstverständlichen Standard geworden, dass Sammler, die wichtiges Material zur Verfügung stellen, in den entsprechenden Publikationen gebührend gewürdigt werden, oft sogar als Koautoren.

Kurzum: Das Fossiliensammeln ist ein Hobby für den intellektuellen Forschergeist, genauso wie für den tüftelnden Handwerker und den Liebhaber schöner und seltener Dinge. Es ist eben ein Hobby für den ganzen Menschen, denn es befriedigt das Jagdfieber, wenn ein neuer Fund glückt, verlangt Sorgfalt und manuelle Geschicklichkeit bei der Präparation, es bedient den Sinn für Ordnung und Ästhetik bei der Gestaltung der Sammlung, und es kann auf die intellektuelle Spielwiese führen, wenn man als Privatpaläontologe ein wenig in der Wissenschaft mitmischt, von den menschlichen Kontakten ganz zu schweigen. Wie wichtig Kommunikation auf Augenhöhe und einvernehmliches Miteinander von Paläontologen und Sammlern ist, das wurde von der Paläontologischen Gesellschaft längst erkannt und stets nachhaltig gefördert. Schließlich verfolgen Sammler und Berufspaläontologen dasselbe Motiv, sich nämlich ein kleines Stückchen Ewigkeit zu reservieren, die einen mit ihren Sammlungen, die anderen mit ihren Schriften.  

Das Fossiliensammeln hat sogar literarische Spuren hinterlassen, und zwar nicht nur in Eduard Mörikes einfühlsamem Gedicht „Der Petrefaktensammler“, woraus das Motto in der Überschrift dieses Aufsatzes stammt. Dr. h.c. Otto Linck, Forstmann, Literat, Kunsthistoriker, Naturschützer, und eben auch Privatpaläontologe hat den Sammler und das Sammeln treffend charakterisiert. In seinem sinnigen Gedicht „Lob der Sammler“ schreibt er:

… und Vorwelttiere schlafen tief im Stein;
Das Riesenreich der Ammonitenräder,
Man kann in ihm sehr glücklich sein!
Aus ihnen rauschen Ozeane
An längst versunkner Kontinente Saum,
Flugechsen ziehn wie Aeroplane
Dem Sammler durch den Morgentraum…

Kontakt

Paläontologische Gesellschaft e.V.
Weismüllerstr. 45
60314 Frankfurt am Main

Tel.: 069 / 403 585 77
Fax: 069 / 403 560 26
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